Adventssammlung 2003

"Eine Mahlzeit - und das Lächeln gibt´s gratis"
In Schwelm und Hagen wird mit Essen und Freundlichkeit Würde gegeben

Übt Gastfreundschaft. Römer. 12,14

Drei Stunden lang haben Gertrud Dräger und Dieter Sochau Gurken geschnippelt, Kartoffeln und Eier gekocht, Mayonaise angerührt. In großen Wäscheschüsseln wuchsen Berge von Rohkost und feinen Salaten. Nun portionieren die beiden ehrenamtlichen Helfer in Luthers kleinem Waschsalon die fertigen Speisen in hübsches Porzellan, falten Servietten, zünden Kerzen an. Der Kellerraum, in dem sie ihre Gäste erwarten, ist bunt geschmückt; auf´s Büffet legt Dieter Sochau als ungewöhnliche Dekoration noch ein paar Spielkarten - "nur Herzen und Karos, wegen der Farben." Noch ist es ruhig - doch in wenigen Minuten werden etwa 80 Menschen mit Heißhunger über die Speisen herfallen.

Für die Gäste ist es keine Selbstverständlichkeit, dass man Ihnen höflich und mit Respekt begegnet. Auf der Straße, die ihr Zuhause ist, herrscht ein rauher Ton. Viele der Männer und Frauen sind obdachlos, manche haben zwar eine Wohnung, leben aber dennoch in der Szene. Das Schicksal hat sie aus der Bahn geworfen - und auf der Strecke geblieben sind oft auch Würde und die Fähigkeit, für sich zu sorgen.

Dass der Tisch liebevoll gedeckt ist, jeder Gast persönlich begrüßt wird und das Essen mit einem ehrlich gemeinten "Guten Appetit!" gereicht wird, macht das Besondere in der diakonischen Einrichtung aus. Zweimal pro Woche servieren die sieben Ehrenamtlichen und Leiterin Heike Spielmann-Fischer zwischen 8.30 und 13 Uhr Frühstück - und manchmal, wie heute, gibt es auch ein Festmittagessen.

"Körper und Seele reinigen, ein liebevoll zubereitetes Frühstück essen, während die verschmutzte Wäsche gewaschen und getrocknet wird, Würde erfahren - im Waschsalon geht es um viel mehr als nur um Hygiene", erklärt Heike Spielmann-Fischer.

Jeden Tag erneuert Dieter Sochau die "Worte, die gut tun" auf einer kleinen Schiefertafel hinter dem Buffet. Eine kleine Geste, die ankommt: "Wehe, wenn sich mal ein Rechtschreibfehler einschleicht -darauf werde ich gleich angesprochen!" lacht der engagierte Helfer. Er weiß, dass seine Gäste sich wohlfühlen - und es ist ihm wichtig, dass sie das tun.

Obdachlosigkeit macht einsam - viele Betroffene sind Einzelkämpfer, bleiben lieber für sich, meiden Gruppen. Auf der Parkbank, im Hauseingang lässt es sich auch schlecht Freundschaft schließen. Auch darum sind Orte für Begegnungen wichtig. Peter und Kalle haben sich schon vor Jahren kennengelernt. Sie sind Stammgäste im Lkw und auch in der Bahnhofsmission, in der Gastfreundschaft ebenfalls oberstes Prinzip ist.

Heike Spielmann-Fischer leitet auch diese Einrichtung auf Bahnsteig 8/10 im Hagener Hauptbahnhof. Die Kontakte hier sind oft kurz, aber intensiv: Gespräche und Geständnisse fallen leichter, wenn man anonym bleiben kann. "Doch es gab früher Situationen, in denen wir unsere Gastfreundschaft für manche Menschen nicht aufrecht erhalten konnten, ohne die anderen Gäste zu stören", erklärt die Sozialarbeiterin, warum seit mittlerweise fast sechs Jahren der Waschsalon das diakonische Angebot ergänzt.

Nach und nach wachsen dort neue Angebote hinzu: Haare schneiden, Fusspflege, Mundhygiene. "Seitdem wir kostenlos Zahnbürsten anbieten, werden sie auch benutzt", schildert Heike Spielmann-Fischer. Manche Bedürfnisse, so weiß sie, sind verschüttet. "Wir tun alles dafür, sie wieder zu erwecken. Wer seine Würde nicht mehr empfindest, kümmert sich auch nicht um sich selbst..."

Würde geben - das ist auch das oberste Ziel des Mittagstisches, den die Beratungsstelle für Wohnungslose und ein treuer Stamm von Ehrenamtlichen in Schwelm in den Wintermonaten anbietet. Für Menschen, die sich einen Restaurantbesuch nicht leisten können, gibt es jeden Dienstag zwischen Erntedank und Ostern eine warme Mahlzeit. Nach dem Motto: "Jeder gibt, soviel er kann" wird ein Unkostenbeitrag von mindestens 1,60 Euro pro Mahlzeit von den Gästen einbehalten - das warme, freundliche Lächeln gibt es gratis dazu.

Ehrenamtliche Helferinnen und Helfer sowie Diakonie und die Kirchengemeinde engagieren sich in diesem Projekt gemeinsam. Zur Finanzierung der Mahlzeiten, die vom Schwelmer Feierabendhaus gekocht werden, tragen auch Spenden bei; daneben unterstützen heimische Bäcker und Konditoren das Projekt mit feinen Backwaren.

Manche Gäste des Lkw kommen, sobald sich die Türen öffnen, und bleiben, bis Heike Spielmann-Fischer wieder abschließt. Spielen Karten, lesen Zeitung, unterhalten sich. Für Dieter Sochau ist das Essen Mittel zum Zweck: "Die Gäste sollen nicht nur satt werden - sie sollen sich auch wohl fühlen." Und das tun sie.

Unterstützen Sie dieses und andere Projekte des Diakonischen Werkes durch Ihre Spende!

Mit freundlichen Grüßen

Hans Schmitt, Pfarrer (Verwaltungsratsvorsitzender)
Thomas Haensel, Pfarrer (Vorstandsvorsitzender)