Ennepe-Ruhr/Hagen
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Sommersammlung 2008
„Kaum noch vermittelbar...“
Arbeitslosigkeit kann jeden treffen
Erich Piepenstock hat sich im Leben hochgearbeitet, hat die Abendschule besucht, es bis zur Fachhochschulreife gebracht, eine kaufmännische Lehre absolviert. Über die Jahre ist er im Beruf "gewachsen", wie er sagt. Er hat gut verdient. Vorbei. Erich Piepenstock ist arbeitslos und Hartz-IV-Empfänger. Seine Firma wurde verkauft, Arbeitsplätze ins billige Ausland verlagert. So ist der 55-Jährige aus der Mitte der Gesellschaft rasant herausgerutscht. Für Birgit Buchholz, Fachbereichsleiterin Soziale Dienste beim Diakonischen Werk Ennepe-Ruhr/Hagen ein Beispiel dafür, "dass es jeden treffen kann". Auch die Hochqualifizierten, auch diejenigen mit viel Berufserfahrung.
Mit 55 Jahren ist Erich Piepenstock kaum noch vermittelbar. 500 Bewerbungen hat er bereits geschrieben. Auf Stellenausschreibungen wartet er nicht, geht von sich aus auf Firmen zu. Doch deren Antwort ist Piepenstock zufolge immer die gleiche: Man habe zurzeit keinen Job. Und dennoch macht er weiter. "Das ist das einzige, was ich tun kann."
"Selbst wenn der einzelne kämpft, gibt es kaum noch Aufstiegsmöglichkeiten", berichtet Kurt Bernhofen, Leiter des Hagener Arbeitslosenzentrums (HALZ). Dass die Menschen sich deshalb aufgeben, glaubt er nicht. "Aber die Angst, keine Chance mehr zu bekommen, wird immer größer."
Glaubt man den Veröffentlichungen in den Medien, hat der Aufschwung längst begonnen. Die offiziellen Statistiken sprechen von einem Rückgang der Arbeitslosen. "Aber gerade die Langzeitarbeitslosen spüren diesen Aufschwung nicht", weiß Birgit Buchholz. Wirklich "lang" ist die Zeit nicht, die ein Jobsuchender hat, bevor er diesen Stempel bekommt: Nach zwölf Monaten gelten Arbeitssuchende als langzeitarbeitslos, ihre Chancen sinken dann dramatisch, und sie erhalten Arbeitslosengeld II, das nicht höher ist als der frühere Sozialhilfesatz.
Die Älteren sind besonders gefährdet: Stärker als in anderen westeuropäischen Ländern neigen Unternehmen in Deutschland dazu, sich mit jungen Leuten zu verstärken, statt auf die Erfahrung der Älteren zu setzen. Aber wann ist man alt? Für manchen Personalchef schon ab Mitte vierzig. Erich Piepenstock ist 52 Jahre alt, als er seinen Job verliert. Der Vordruck, den er im Arbeitsamt ausfüllen soll, gibt ihm sieben Zeilen Platz für seinen beruflichen Werdegang. Sieben Zeilen für dreißig Jahre.
Jede Wirtschaftskrise kostet Arbeitsplätze in Deutschland, und nach jeder überstandenen Krise werden weniger Arbeitslose eingestellt. Seit gut zwanzig Jahren ist das so, seit der ersten heftigen Arbeitskrise in der Bundesrepublik. In den 80er Jahren war es auch, als Kirche und Diakonie das Thema Arbeit besetzten. "Es geht ja bei einem Job nicht nur ums Geld verdienen", gilt für Birgit Buchholz damals wie heute.
In den Einrichtungen ihres Fachbereiches gibt es zahlreiche Menschen, die schon seit Jahren an Maßnahmen und Arbeitslosenprojekten teilnehmen und so zumindest das Gefühl bekommen, noch einen Platz in der Gesellschaft zu haben. Birgit Buchholz: "Arbeit zu haben bedeutet auch, Anerkennung zu haben, Sozialkontakte und eine Tagesstruktur. Arbeit ist mehr als nur Arbeit." Und damit ist Nichtarbeit auch mehr als nur Arbeitslosigkeit. Nichtarbeit heißt Statusverlust und Vereinzelung, weil man in Deutschland nur "drin" ist, wenn man Arbeit hat, und ohne die ist man "draußen". Dass sich das Ideal von der Arbeitsgesellschaft in den Köpfen der Bürger einmal auflösen würde, wie Sozialwissenschaftler vor zwanzig Jahren vorhersagten, war ein gewaltiger Irrtum. Wer arbeitslos ist, fühlt sich von Menschen umzingelt, die eine Stelle haben.
Die Beratungsstellen des Diakonischen Werkes leisten daher auch Beistand, echte Lebenshilfe. Natürlich geht es auch um technische Fragen, wie das Erklären von Bescheiden, die Aufklärung über Rechte und Ansprüche, Hilfe bei Widersprüchen. Allein 1250 Beratungen leisteten Kurt Bernhofen und sein Schwelmer Kollege Klaus Daude im vergangenen Jahr. Dahinter stehen 1250 Schicksale. "Wer arbeitslos wird, hat in der Regel keinen unabhängigen Berater mehr", erklären die erfahrenen Diakonie-Mitarbeiter. Die Alternativen? "Wer noch Erspartes hat, kann sich einen Anwalt leisten; für alle anderen bleibt nur die Beratung der Bundesagentur ..."
Existenzängste kennen Menschen ohne Job zu genüge. Doch nun sind erstmals auch die Beratungsstellen für Langzeitarbeitslose in ihrer Existenz bedroht: Die Förderung aus dem Europäischen Sozialfond (ESF) läuft Ende September aus. "Dann sollen nur noch konkrete Maßnahmen und Projekte gefördert werden - oft nur für ein oder zwei Jahre", warnt Birgit Buchholz. Plötzlich geht es dem Träger Diakonie nicht anders als dem Arbeitsnehmer mit Zeitvertrag: Perspektiven sind passe, die Zukunft ist ungewiss.
"Dass sich die Spielregeln für unsere Arbeit ständig verändern, damit müssen wir leben", beschreibt die Politologin. Immer nach neuen Fördermöglichkeiten zu suchen, ist daher Teil ihrer Arbeit als Fachbereichsleiterin. So entstehen fortlaufend Spezialangebote, etwa für Ältere (58 Plus) oder für Migranten. Unhaltbar findet sie es aber, dass sich die Menschen den Angeboten anpassen müssen, statt umgekehrt: "Es gibt immer auch Menschen, die nicht in die Fördertöpfe passen." So wie Erich Piepenstock.
Wir bitten Sie herzlich für diese und andere Aufgaben der Diakonie um ihre Spende.
Dirk Bernd Bobe, Pfarrer Thomas Haensel, Pfarrer
DIAKONISCHES WERK ENNEPE-RUHR/HAGEN gGmbH Bergstraße 121, 58095 Hagen, Telefon 02331/380900 Spendenkonto: Sparkasse Hagen, BLZ 450 500 01, Konto 100 110 010

