Adventssammlung 2008

„Gesundheit darf kein
Luxusartikel sein“

Medizinische Hilfen beim Diakonischen Werk

"Für ein Lächeln" steht über der Adventssammlung 2008. Vom 11. November bis zum 6. Dezember 2008 sind die Sammlerinnen und Sammler in den Kirchengemeinden unserer westfälischen Landeskirche unterwegs, um für die Arbeit der Diakonie zu sammeln.

In den Kirchenkreisen Hagen, Hattingen-Witten und Schwelm nutzen wir die diesjährige Sammlung, um über die medizinische Versorgung beim Diakonischen Werk zu berichten. In unseren Sozialen Diensten, in Luthers Waschsalon, aber auch in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe spüren wir zunehmend, dass Gesundheit in unserem Land zu einem Luxusartikel geworden ist.

Mit einer ärztlichen und einer zahnärztlichen Ambulanz in Hagen und in Witten versuchen wir Versorgungslücken zu schließen und unsere Kunden und Gäste in die Regelversorgung zurückzuführen. Ergänzt werden soll dieses Angebot auch durch das für Hagen neu geplante Arztmobil, mit dem wir in Witten schon seit einem Jahr sehr gute Erfahrungen machen."

Der Befund klingt wie eine Bankrotterklärung: "Eins sieben fehlt, eins sechs zerstört, eins fünf Karies…" Der junge Mann, der eben noch so selbstbewusst in das kleine Behandlungszimmer in Luthers Waschsalon schritt, sinkt förmlich in sich zusammen. Florian Streckmann, der Medizinstudent, beugt sich über den Patienten, untersucht jeden einzelnen Zahn und gibt die Diagnose an seinen Kommilitonen Arpad Bernhardt weiter, der alle Angaben ordentlich notiert. Keine Frage: In diesem Praxisseminar lernen die beiden Medizinstudenten der Uni Witten/Herdecke nicht nur etwas für´s Leben, sondern auch über das Leben.

Im Hintergrund überwacht Dr. Gustav Haarmann die Szenerie. "Es kommt leider häufig vor, dass unsere Patienten keinen gesunden Zahn mehr haben." Ungesunde Ernährung, Alkohol, Drogen, aber auch Geldmangel, der den Gang zum Arzt verhindert - die Ursachen für den anhaltenden Erfolg der medizinischen Angebote in Luthers Waschsalon liegen auf der Hand. Vor einem guten Jahrzehnt startete Luthers Waschsalon als Frühstücksangebot für Obdachlose. Heike Spielmann-Fischer leitet Luthers Waschsalon seit sieben Jahren und musste die Angebote in dieser Zeit immer wieder dem Bedarf anpassen - also ausbauen. Zweimal wöchentlich kommen mittlerweile ehrenamtliche Allgemeinmediziner und halten Sprechstunde in den Kellerräumen der Stadtkirchengemeinde, parallel praktizieren zwei pensionierte Zahnärzte. "Vor allem seit Einführung der Gesundheitsreform kommen sehr viele Menschen zu uns, bei denen das Geld einfach nicht reicht - und das sind nicht nur Wohnungslose.

Die nächste Patientin ist Annemarie Griese. Sie ist 54, und Luthers Waschsalon kannte sie vor ihrer Zahnbehandlung gar nicht. Das Leben, das sie führt, ist kein leichtes. Seit vielen Jahren ist sie arbeitslos, denn für eine Ungelernte wie sie gibt es in unserer komplexen Arbeitswelt keine Jobs mehr. Dennoch lacht sie - und entblößt dabei eine gigantische Zahnlücke. "Hatte nie Geld, mir eine Brücke machen zu lassen", erklärt sie achselzuckend. Den Tipp, mal im Waschsalon vorzusprechen, bekam sie in der Arge - über die Motive der Behörde möchte man gar nicht zu intensiv nachdenken. Die Studenten tauschen die Plätze, jetzt ist Arpad Bernhardt mit der Diagnose dran. "Der Zahn sieht so aus, als ob er raus müsste - da müssen wir auf Dr. Haarmann warten", entschuldigt er sich bei seiner Patientin. "Macht nichts, ich hab ja Zeit. Wenn ich so viel Geld hätte wie Zeit…"

"Das Gesundheitsgesetz trifft viele Menschen, die eh schon ein unterentwickeltes Gesundheitsbewusstsein haben", beobachtet Heike Spielmann-Fischer. Ein Wohnungsloser muss auf den Arztbesuch sparen - dazu ist er in der Regel nicht in der Lage. Mit einem Tagessatz von 11,70 Euro können Obdachlose weder die Kosten für den Arztbesuch noch für die fälligen Medikamente bestreiten. Die Folge: Anfangs harmlose Erkältungskrankheiten werden verschleppt, wichtige Medikamente nicht genommen, und kleinere Operationen auch schon mal selber durchgeführt. "Wir hatten hier schon Patienten, die sich die Fäden nach einer OP selber gezogen haben, um die Praxisgebühr zu sparen", erinnert sich Heike Spielmann-Fischer.

Die Ambulanz in Luthers Waschsalon ist ein Baustein in der medizinischen Versorgung, die das Diakonische Werk bereitstellt. Dabei betont Fachbereichsleiterin Birgit Buchholz: "Unser Ziel ist keine Klinik für Arme - wir wollen die Patienten ins Regelsystem zurück führen." Um das zu erreichen, macht sie Lobbyarbeit, lädt Bundespolitiker wie den SPD-Mann René Röspel in die Einrichtung ein und plädiert leidenschaftlich für eine Verbesserung der Systeme: "Gesundheit darf kein Luxusartikel sein!"

Doch bis dieses Ziel erreicht ist, müssen Menschen Hilfe bekommen - und dabei kommt manchmal Kollege Zufall zur Hilfe. Ein Behandlungszimmer beim Zahnarzt kostet neu eingerichtet 50.000 Euro - die Ausstattung in Luthers Waschsalon schenkte ein Zahnarzt, der für seine Praxis keinen Nachfolger fand. Die jungen Studenten schmunzeln zwar ein wenig über den braunen, leicht antiquierten Behandlungsstuhl, erkennen aber dessen Funktionalität an. Und 100 Namen im Karteikasten zeigen, dass der Bedarf groß ist.

Ein anderer Zufall bescherte der Wohnungslosenhilfe einen Bus, der zur rollenden Praxis umgebaut wurde: Das Arzt-Mobil. Auch hier praktizieren ehrenamtliche Ärzte und Krankenschwestern, an zwei Tagen in der Woche, zunächst in Witten und in Schwelm. "Wir steuern mit dem Mobil die Orte an, an denen sich Obdachlose aufhalten", erklärt Birgit Buchholz. Denn für manchen ist selbst der Gang in Luthers Waschsalon oder in die Medizinische Ambulanz in Witten zu schwierig.

Ohne die tatkräftige Unterstützung der Ehrenamtlichen wären diese Angebote nicht möglich. Hinzu kommen praktizierende Ärzte, die "schwierige Fälle" auch ohne Versichertenkarte übernehmen, Apotheker, die Medikamente bereitstellen und Großspender wie das Unternehmen Henry Schein, das Materialien für die Zahnarztbehandlung liefert. Doch Verbrauchsmaterial, Handschuhe, Stromkosten, Benzin für das Arztmobil und vieles andere mehr - all das muss durch Spenden finanziert werden.

Wir bitten Sie herzlich für diese und andere Aufgaben der Diakonie um ihre Spende.

Dirk Bernd Bobe, Pfarrer   Thomas Haensel, Pfarrer

DIAKONISCHES WERK ENNEPE-RUHR/HAGEN gGmbH Bergstraße 121, 58095 Hagen, Telefon 02331/380900 Spendenkonto: Sparkasse Hagen, BLZ 450 500 01, Konto 100 110 010