Sommersammlung 2009

Kein Auskommen mit dem Einkommen

Schuldnerberatung hilft seit 23 Jahren beim Diakonischen Werk

Der Anrufer ist verzweifelt. Seit zwei Jahren ist er arbeitslos, ein Schicksal, das er als Industriearbeiter Ende 40 mit vielen Menschen in der Region teilt. Zunächst war er noch optimistisch, einen neuen Job zu finden, denn er hatte sich stets weitergebildet, gemeinsam mit den Kindern sogar am Computer gelernt, und er war bereit, auch andere Jobs anzunehmen – wenn es denn nur welche geben würde. Herbert P. ist ein durchschnittlicher Mensch. Sein Monatseinkommen war durchschnittlich, seine Erwartungen an das Leben sind es auch. Wie die meisten Menschen in seinem Bekanntenkreis hatte er sich eingerichtet in seinem Leben: Mietwohnung, Zusatzversicherung als Altersvorsorge, Zeitungsabo. Die Ehefrau kümmert sich um das Kind. Den Herd und den Wagen hatte er in besseren Zeiten angezahlt, die monatlichen Raten abzustottern war kein Problem. Normal eben.

Dass das Minus auf seinem Konto immer größer wurde, hatte Herbert P. anfangs nicht wirklich realisiert. Immer mal wieder in seinem Leben gab es Zeiten, in denen der Dispo ausgereizt werden musste. Auch das ist sicher normal. Bis die Bank ihm schrieb, dass nun die monatlichen Raten an den Elektrohändler nicht mehr beglichen werden könnten. Und das Autohaus sich meldete und den Wagen zurückverlangte. „Ich hab mich so geschämt“, erinnert sich Herbert P., und seine Stimme wird ganz leise. Schulden – das gehört sich nicht, das passiert nur Menschen, die maßlos sind und die sich und ihr Leben nicht im Griff haben. Aber so einer ist er doch nicht...

Als Herbert P. sich das erste Mal an die Schuldnerberatung des Diakonischen Werkes wendet, ist der Schuldenberg auf geschätzte 20.000 Euro angewachsen. Die Beratungsstellen der Diakonie bieten regelmäßig Offene Sprechstunden an, denn immer wieder haben die Mitarbeitenden die Erfahrung gemacht, dass die Wartezeit für einen Termin die bedrängten Hilfesuchenden noch zusätzlich belastet. „In der Offenen Sprechstunde verschaffen wir uns gemeinsam einen ersten Überblick über die tatsächlichen Schulden und die Gläubiger“, erklärt Einrichtungsleiterin Regina Egler. So wie bei Herbert P., der zu diesem Zeitpunkt gar keine Unterlagen über die aktuelle Höhe der Forderungen hatte. Er nutzte die Wartezeit, um alle Gläubiger anzuschreiben und um entsprechende Forderungsaufstellungen zu bitten.

Als Herbert P. vier Wochen später wieder bei Regina Egler sitzt, ist klar: Die Gesamtverschuldung liegt bei 25.000 Euro. Doch es gibt auch eine gute Nachricht: In der Zwischenzeit hat der Familienvater einen Job als Kraftfahrer gefunden, in dem er knapp 1000 Euro netto pro Monat verdient. „Herr P. hatte große Sorgen, dass er bei einer Lohnpfändung seinen Arbeitsplatz wieder verlieren würde“, erzählt Regina Egler.

Fast immer ist der nächste Schritt in der Schuldnerberatung, gemeinsam mit den Ratsuchenden einen Haushaltsplan zu erstellen. Erst dann ist klar, welche monatliche Rückzahlung der Schulden überhaupt möglich ist. Die Beratungsstellen der Diakonie informieren in Hagen und im gesamten Ennepe-Ruhr-Kreis flächendeckend über Existenzsicherung, Beantragung von Leistungen, Mahnverfahren, Pfändungsschutz und Regulierungsmöglichkeiten einschließlich Insolvenzverfahren.

Dabei steigt die Zahl der Hilfesuchenden kontinuierlich an. Kamen im Jahr 1986 44 Beratungen auf eine Vollzeitkraft, so sind es heute durchschnittlich 210. Die durchschnittliche Schuldenhöhe lag 1986 bei 10.000 Euro, heute beläuft sich diese auf etwa 26.000 Euro. Regina Egler: „Insgesamt wurden 2004 etwa 1080 Haushalte von uns beraten. 2007 waren es 1560 Haushalte.“

Konnten früher oft Lösungen im Rahmen von Umschuldungen und Ratenzahlungen gefunden werden, so müssen heute auf Grund des niedrigen Einkommensniveaus und der steigenden Verschuldung immer mehr Menschen einen Verbraucherinsolvenzantrag stellen. Auch hier liefert Regina Egler Zahlen: „Im Jahr 2004 haben wir 277 Insolvenzanträge eingeleitet. 2007 waren es 407 Anträge. 2008 waren es 492 Anträge.“

Den Schuldenberg abzutragen, dauert meist Jahre. Für Herbert P. sah es zunächst so aus, als ob auch für ihn ein Insolvenzantrag die einzige Möglichkeit sein würde – mehr als 100 Euro monatlich konnte er nicht aufbringen, um seine Schulden zu bezahlen. Doch nun hat auch seine Ehefrau einen Arbeitsplatz gefunden, und es eröffnen sich neue Spielräume: „Wir haben eine Bank gefunden, die Herrn P. einen Umschuldungskredit in Höhe von 13.000 Euro gewährt“, berichtet die Beraterin. Weil auf ihr Schreiben hin alle Gläubiger einen Teil der Schuldensumme erlassen, kann Herbert P. mit diesem Geld die ausstehenden Rechnungen begleichen – die monatliche Zahlung an die Bank schaffen er und seine Partnerin nun gemeinsam.

„Wir rechnen damit, dass sich die Zahl der Ratsuchenden noch erhöht“, fürchtet Regina Egler. Die weltweite Krise kostet Arbeitsplätze, Kurzarbeit bringt wackelige Finanzierungskonzepte zum Einstürzen, aber auch plötzliche Krankheit, ein weiteres Kind oder andere, ganz persönliche Ursachen können dazu führen, dass Menschen kein Auskommen mehr mit dem Einkommen haben. Dann ist der professionelle Blick von einem Außenstehenden oft die einzige Chance, das Chaos zu lichten. „Ich hab immer gedacht, ich hab mein Leben komplett im Griff“, fasst Herbert P. die Erfahrung der zurückliegenden Monate für sich zusammen. „Aber jetzt bin ich froh, dass ich Hilfe angenommen habe.“ Der erste Schritt ist getan – die weiteren schafft er alleine.

Wir bitten Sie herzlich für diese und andere Aufgaben der Diakonie um ihre Spende.

Dirk Bernd Bobe, Pfarrer   Thomas Haensel, Pfarrer

DIAKONISCHES WERK ENNEPE-RUHR/HAGEN gGmbH Martin-Luther-Straße 9-11, 58095 Hagen, Telefon 02331/380900 Spendenkonto: Sparkasse Hagen, BLZ 450 500 01, Konto 100 110 010