Sommersammlung 2004

Ohne Arbeit?

Sie sind 30 oder 60. Männer oder Frauen. Arbeiter oder Angestellte. Viel gemeinsam haben sie nicht. Doch eins teilen die etwa 40 Menschen, die sich zum Vortrag "Berlin kürzt Arbeitslosen (nicht nur) das Geld" im HALZ, dem Hagener Arbeitslosenzentrum des Diakonischen Werkes, versammelt haben: Die Angst vor der Zukunft.

Seit fast einem Jahr bietet Kurt Bernhofen, Leiter des HALZ, alle zwei Wochen kostenlose Vorträge über die Reformpläne, die unter den Namen Hartz III und IV durch die Nachrichten geistern. Wie groß die Verunsicherung angesichts ständig neuer Auslegungen und Meldungen ist, kann der Sozialarbeiter an Hand der unbesetzten Stühle ablesen: "Als wir anfingen, kam ein relativ kleiner Kreis von Leuten, um sich zu informieren." Heute müssen Bernhofen und seine Kollegen wieder einmal Stühle aus dem Nebenraum herüber schleppen.

Was bedeutet es für die Betroffenen, wenn Arbeitslosen- und Sozialhilfe zum "Arbeitslosengeld II" zusammengelegt werden? Peter Schulte, 59, hat kaum einen Vortrag ausgelassen. "Ich bin seit drei Jahren arbeitslos", erzählt der Fertigungstechniker, der nie krank war, sich kontinuierlich weitergebildet hat - und der von der Pleite seiner Firma unverhofft - und unverschuldet - aus der Bahn geworfen wurde. "Ich habe so viele Bewerbungen geschrieben. Aber keiner will mich." Der Grund ist immer der gleiche: "Ich bin zu alt."

Nur wer seine Rechte kennt, kann sie auch geltend machen. Das gilt auch für Arbeitslose. Darum gibt es im HALZ für jedermann verständliche Informationen und konkrete Rechenbeispiele. So erfährt auch Peter Schulte, was ihn künftig erwartet: Das lohnbezogene Arbeitslosengeld 1 bekommt er im ersten Jahr der Arbeitslosigkeit. Danach folgt Arbeitslosengeld 2. "Das sind für jeden Arbeitslosen pauschal 345 Euro, egal, ob er vorher Manager oder Mechaniker war", rechnet Kurt Bernhofen vor. Die Zuschläge bis zu 160 Euro sowie anteilig übernommene Unterkunfts- und Mietkosten entfallen im zweiten, bzw. dritten Jahr der Arbeitslosigkeit - kein Trost also für Peter Schulte.

Die dringend benötigten Arbeitsplätze, die Menschen wie Peter Schulte aus ihrer unverschuldeten Situation helfen würden, kann eine Einrichtung wie das HALZ nicht schaffen. Doch bei Information und Qualifizierung der Menschen helfen diakonische Einrichtungen in den Kirchenkreisen Hagen, Schwelm und Hattingen-Witten.

"Zukünftig wird es für die Arbeitssuchenden von großer Bedeutung sein, dass sie als `vermittelbar´ und `dem Arbeitsmarkt nahe stehend´ eingestuft werden", erläutert Marion Schmitt, Leiterin der QuaBeD in Witten. Alle anderen bekommen statt Arbeitslosengeld das niedrigere Sozialgeld (früher Sozialhilfe). In der "Qualifizierungs- und Beschäftigungsgesellschaft" wird alles daran gesetzt, verschüttete Fähigkeiten zu reaktivieren und Defizite durch gezielte Lernprogramme zu beheben. "So unterrichten wir eine Gruppe Russlanddeutscher zunächst einmal in der deutschen Sprache - nur so haben sie auf dem Arbeitsmarkt überhaupt eine Chance." Frauen, die nach einer langen Familienpause wieder in den Beruf einsteigen wollen, werden durch EDV-Kurse wieder fit für die Computerarbeit gemacht.

Im sogenannten Jobcenter wird die Vermittlungsfähigkeit beurteilt. Manchmal gelingt dann die Vermittlung in den sogenannten "ersten Arbeitsmarkt". Doch allzu oft ist die Arbeitslosigkeit nicht das einzige Problem, das die Kunden in HALZ, bei der QuabeD oder im Schwelmer Sozialkaufhaus belastet. Schulden, Suchtprobleme, oder auch Schwierigkeiten bei der Lebensplanung bedrücken und lähmen zusätzlich. "Darum hilft ein Sozialarbeiter (Fall-Manager) bei der Aufarbeitung der individuellen Probleme", erklärt Marion Schmitt.

Wenn es für eine Anstellung noch zu früh ist, kann eine Beschäftigung in einem Projekt wie dem Sozialkaufhaus Würde und Selbstwertgefühl zurückgeben. Im geschützten Raum bekommen hier Langzeitarbeitslose die Chance, sich langsam an die Regeln und Anforderungen eines Berufsalltags zu gewöhnen. Sie helfen bei Wohnungsauflösungen, entrümpeln Dachböden und Kellerräume, holen alte Wohnzimmerschränke ab. Alles, was noch intakt und verkaufbar ist, kommt ins Sozialkaufhaus und wird dort mit viel Geschick und allerlei Improvisationstalent repariert, aufgearbeitet und verschönt. Auch wirklichen Sperrmüll nehmen die Schwelmer mit - die Entsorgungskosten trägt dann der Eigentümer.

Das Geschäft bietet verschiedene Arbeitsfelder. Vom Möbel schleppen über Buchhaltung, Reinigung, Waschmaschinen reparieren, Rechnungen schreiben bis zum Verkauf. "Es gibt wohl niemanden, für den wir keine Tätigkeit haben", beschreibt Einrichtungsleiter Edgar Proske das Konzept des Sozialkaufhauses. "Niedere Tätigkeiten" gibt es in der Tankstelle nicht. "Jeder trägt Verantwortung - jeder für seinen Bereich." So erfahren Menschen, die lange arbeitslos waren, Wertschätzung und Achtung im Beruf.

Das Gefühl, nutzlos zu sein, kennt auch Peter Schulte. "Ich hab immer gearbeitet und mich über meine Arbeit auch definiert", sinniert er. Zur finanziellen Belastung kommt die psychische Belastung. "Was bin ich noch wert ohne Arbeit?" Dagegen setzen die Mitarbeitenden der diakonischen Einrichtungen: "Jeder Mensch hat einen Wert", bringt es Geschäftsführer Dirk Bobe auf den Punkt: "Dies ist die Grundlage der Arbeit der Diakonie, dass das Evangelium von Jesus-Christus sich gegen jede Ausgrenzung und Abwertung von Menschen richtet, und auch bei persönlichem Versagen die Wiedereingliederung von Menschen in Arbeits- und Lebensbezüge tatlkräftig unterstützt."

Wir bitten Sie herzlich für diese und andere Aufgaben der Diakonie um ihre Spende.

Dirk Bernd Bobe, Pfarrer          Thomas Haensel, Pfarrer

DIAKONISCHES WERK ENNEPE-RUHR/HAGEN gGmbH
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