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Adventssammlung 2004
Heimat - Ein Wort ohne Bilder Traumatisierte Flüchtlinge leben oft ohne Erinnerung
"Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch..."
3. Mose 19, 33f.
Die kleine Jessie liegt im Halbdunkel und gluckst fröhlich vor sich hin. Zwei Monate ist sie alt; die wachen, braunen Augen blicken vertrauensvoll in die Welt. Leid und Unglück, Trauer und Angst - davon weiß sie nichts. Liebevoll streicht Sarah, die Mutter, über das krause Haar ihrer Tochter, fährt mit den Fingern über die Wangen ihres kleinen Mädchens. Draußen tobt der Feierabendverkehr, es wird langsam dunkel und es hat den ganzen Tag geregnet. Doch davon bekommen die beiden nichts mit.
Auf dem kleinen Tisch stapeln sich fein säuberlich die Baby-Strampler, daneben ein bisschen Spielzeug, ein Kuscheltier. Viel ist es nicht, was die beiden besitzen - doch es ist mehr, als Sarah für sich und ihr Kind zu hoffen wagte. Gerade mal 18 Jahre ist sie alt - doch die Erlebnisse, die hinter ihr liegen, reichen für ein ganzes Menschenleben.
Heimat - ein Wort, für das Sarah keine Bilder mehr hat. Das Haus, in dem sie gelebt hat, Freundinnen, mit denen sie als Kind gespielt hat, die Straße, auf der sie zur Schule gegangen ist - weg. Ausgelöscht von einem Gehirn, das sich zu erinnern weigert, weil die Erinnerung unerträglich ist. "Die Familie von Sarah ist ermordet worden - und sie musste es vermutlich mit ansehen", befürchtet Anke Schümer aus der Zuwandererberatung des Diakonischen Werkes. Die Psychologin ist spezialisiert auf die Arbeit mit Menschen, die durch Krieg, Gewalt, Folter schwer traumatisiert sind.
Es fällt der jungen Frau unendlich schwer, überhaupt über die Vergangenheit zu reden. Hat sie Erinnerungen an die Mutter, den Vater? "I don´t know" - ich weiß es nicht. "Posttraumatische Belastungsstörung" heißt das in der Fachsprache. Anke Schümer erklärt: "Wir erleben sehr häufig, dass auch positive Erinnerungen unterdrückt werden, weil sie immer gekoppelt sind an schreckliche Erfahrungen."
Um Stück für Stück die Erinnerung - und damit die eigene Geschichte - zurück zu holen, braucht Sarah Zeit. Doch genau daran mangelt es ihr. Denn Sarah ist als Flüchtling in Deutschland gestrandet und ohne einen gesicherten Aufenthaltsstatus. "Sie hat keinen Pass, und sie kann nicht beweisen, dass sie aus Sierra Leone stammt", erklärt Zuwandererberater Heinz Köhler. Die Rechtslage ist unerbittlich: Ohne Pass kein Asylantrag, ohne Asylantrag keine Aussicht auf Duldung oder gar Aufenthaltserlaubnis. Es mag Fälle geben, bei denen diese Logik aufgeht - für Sarah ist keine Lösung in Sicht.
Heimat in der Fremde - sehr wohnlich geht es in der Flüchtlingsunterkunft an der Siemensstraße nicht gerade zu.
Denn mittlerweile sind sich Anke Schümer und die Menschen im Ausländeramt sicher, dass die Ermordung ihrer Eltern erst der Anfang eines langen Leidensweges war: Das damals noch kleine Mädchen wurde verschleppt, durch Gewalt und Bedrohung in Angst und Schrecken gesetzt, zur Prostitution gezwungen. Mehr als die Hälfte ihres jungen Lebens zog sie so von Land zu Land, in ständiger Angst, erreichte schließlich auf Umwegen Deutschland. Einen Pass hat sie vermutlich nie besessen, und ihre Muttersprache ist durch die langen Jahre in anderen Ländern längst verschüttet. So mochten denn auch die Gutachter in der Botschaft von Sierra Leone keinen neuen Pass ausstellen. "Im Gegenteil, es kam sogar der Verdacht auf, sie hätte sich dieses Land als Heimat nur ausgesucht", erinnert sich Heinz Köhler, der die junge Frau begleitet. Denn in dem westafrikanischen Land herrscht Bürgerkrieg - ein Abschiebehindernis.
Recht und Gerechtigkeit klaffen manchmal auseinander. Um die Motivation - Heinz Köhler nennt es Druck - , sich um einen Pass zu kümmern, zu erhöhen, sieht das Zuwanderungsgesetz die Einweisung in ein Abschiebelager vor. In Sarahs Fall machte das Ausländeramt glücklicherweise eine Ausnahme - nicht zuletzt wegen der aktiven Unterstützung durch die Diakonie.
Die Mitarbeiterinnen der diakonischen Mädchenwohngruppe, in der sie seit einem Jahr lebt, tun alles, um für Sarah einen Schutzraum zu schaffen. So gelingt es der Einrichtungsleiterin Christiane Dieckmann, soviel Vertrauen herzustellen, dass Sarah Stück für Stück Erinnerungen zulässt. Die guten wie die schrecklichen. Von der abenteuerlichen Flucht aus dem deutschen Bordell handeln die langen, nächtlichen Gespräche, von ihrer Angst vor einem Voodomann, der noch heute ihre Träume heimsucht, und von einer "Madame", die das Vertrauen der kleinen Sarah schamlos ausnutzte und sie verschleppte.
"Migration geschieht, sie hat vielfältige Gründe und passiert nicht freiwillig", ist die feste Überzeugung der Mitarbeitenden in der Zuwandererberatung. Durch Gesetze verhindert man nicht, dass Menschen ihre Heimat verlassen, um Verfolgung, Krieg, Gewalt - oder auch Armut zu entgehen. Ihre christliche Verantwortung sehen die Diakonie-Mitarbeitenden darin, Fremden zumindest eine sichere Heimat auf Zeit zu geben. "Wichtig ist die rasche Status-Klärung bei der Einreise, die Zulassung zum Arbeitsmarkt, Hilfe zum Erwerb der Sprache des Aufnahmestaates, die Zusammenführung von Familien sowie der Zugang zu den Bildungs- und Sozialsystemen", fasst Franz-Josef Franke, Leiter der Zuwandererberatung, zusammen. "Denn nur so ist Integration möglich."
So schmerzhaft die Erinnerungen auch sein mögen - ohne sie hat Sarah keine Chance auf ein normales Leben. Ohne Vergangenheit gibt es keine Zukunft, das weiß nicht nur Psychologin Anke Schümer, sondern mittlerweile auch Sarah. Die kleine Jessie gibt ihr die Kraft, langsam, fast zögernd, ihre bescheidenen Wünsche zu formulieren: "Ich mache meinen Schulabschluss. Und dann möchte ich gerne arbeiten, vielleicht als Verkäuferin." Ein Recht auf Arbeit hat sie nicht. Gerecht wäre es schon.

