Ennepe-Ruhr/Hagen
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Sommersammlung 2005
Nur ein paar Türen weiter -
Armut hat viele Gesichter
Ein Tisch. Ein Bett. Zwei Stühle. Und ein Schrank. Die Bravo-Poster an der Wand zeigen coole Rapper mit Goldkettchen. Michael Schumacher vor einem Sportwagen. Jungsträume. Mirko sieht sich unsicher um. Der 12-jährige käme nicht auf die Idee, einen Schulkameraden mit nach Hause zu bringen. Er ist alt genug, um die Blicke zu bemerken, die sich Erwachsene zuwerfen, wenn er seine Adresse nennt. Das Viertel, in dem er lebt, ist schon seit Generationen Heimat von Menschen am Rande unserer Wohlstandsgesellschaft. Seine Freunde aus der Straße trifft er auf dem Parkplatz vor dem Discounter.
In Mirkos Kinderzimmer, das er sich mit den zwei jüngeren Brüdern teilt, gibt es keinen Gameboy, keinen Fernseher, unter dem Bett stehen keine 100-Euro-Turnschuhe. Er steht auf aschgrauen, verwaschenen Tennissocken da, die ihm zu groß sind. Pantoffeln? "Nö, brauch' ich nicht," sagt er trotzig. Sein Wunsch zum Geburtstag? "Ich hätte gerne ein Fahrrad..." Damit könnte er die Freunde aus der Realschule nachmittags besuchen. Geld für den Bus hat Familie K. nicht übrig. So bleibt man unter sich, eingesperrt im Stadtteil. Chancengleichheit?
Agenda 2010, Hartz IV, Gesundheits- und Rentenreform - die Bundesrepublik wird umgekrempelt. Die Auswirkungen bekommen wir alle zu spüren. Unser Sozialstaat verändert sich. Bleibt dabei das Soziale auf der Strecke? Der Armuts- und Reichtumsbericht, den die Bundesregierung herausgibt, belegt mit Zahlen, dass sich die sozialen Unterschiede in Deutschland verschärfen. Platt gesprochen: Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Dabei gilt in Deutschland als arm, wer weniger als 50 Prozent des durchschnittlichen Haushaltseinkommens zur Verfügung hat. Im vergangenen Jahr lag die Armutsschwelle bei 938 Euro. Theorie.
Mirkos alleinstehende Mutter erhält Sozialgeld, die Kosten für Unterkunft und Miete werden übernommen, außerdem erhält sie die Regelleistungen für ihre drei Kinder. Das Kindergeld wird natürlich verrechnet. Insgesamt stehen ihr und den drei Kindern 1481 Euro monatlich zur Verfügung. Per Definition ist sie also nicht arm. Doch wie sieht die Praxis aus mit rechnerisch 370,42 Euro pro Person? Für Wohnen, Strom, Heizung, Essen, Kleidung, Leben...?
Früher war die Sprache radikaler. Da sagte man nicht "sozial Schwache", oder "Notunterkunft". Da lebten die "Asozialen" in den "Baracken". Punktum. Die Sprache hat sich verändert. Man gibt sich politisch korrekt. Doch die Kluft zwischen hier und dort, zwischen arm und reich, ist geblieben.
Armut im Jahr 2005 hat viele Gesichter. Die Wertekampagne der Diakonie zeigt das eines jungen Mannes, der ein Kind auf seinen Schultern trägt: "Wenn Armut Mauern baut". Es könnte auch das Gesicht der 82-jährigen Frau aus Hattingen sein, die Beate Weidauer, Leiterin der Diakoniestation, kennengelernt hat. Die alte Dame sitzt nach einer Beinamputation im Rollstuhl - und weil das Geld für Pflegehilfsmittel nicht reicht, legt sie den Stuhl mit Zeitungspapier aus. Das alte Fachwerkhaus, das sie bewohnt, sieht nur aus der Entfernung idyllisch aus - steht man erstmal drin, spürt man die kalte Luft, die durch alle Ritzen dringt. Reparaturen sind schon seit Jahrzehnten nicht mehr möglich. Steuern und Versicherung schmälern die kleine Rente der Witwe zusätzlich. Sie hat viel mitgemacht in ihrem langen Leben, selten geklagt, alles hingenommen - wie viele Frauen ihrer Generation. Doch nun hat sie Angst: Wenn die Pflegekasse der Einstufung in eine Pflegestufe nicht zustimmt, kann sie sich die tägliche Hilfe beim Waschen durch die Diakoniestation nicht mehr leisten. "Bei Inkontinenz eine echte Katastrophe" sagt Beate Weidauer. "Doch wir erleben es leider, dass unsere Patienten sich zwischen Pflege und der nächsten Stromrechnung entscheiden müssen."
Diese Entscheidung müssen auch die "Menschen in besonderen Lebenssituationen" treffen, denen Heike Spielmann-Fischer in Luthers Waschsalon begegnet. Wohnungslos, arbeitslos, mittellos - diese "Lose" haben viele von ihnen gezogen. Gegen das "hoffnungslos" setzen die Mitarbeitenden der Sozialen Dienste ihre Bemühungen. "Unsere Kunden machen allzu oft die Erfahrung, dass in unserer Gesellschaft nur Fähigkeiten anerkannt sind, die sich in Geld ausdrücken lassen", weiß die erfahrene Sozialpädagogin. "Darum heißt für uns Sozialarbeit auch, Mut zu machen und Würde zu geben."
Wer mit offenen Augen durch's Leben geht, wird die Armut sehen. In Wehringhausen, einem Hagener Stadtteil, bilden sich zweimal wöchentlich lange Schlangen vor dem Warenkorb - hier werden frische Lebensmittel kostenlos an Bedürftige abgegeben. "Sicher schäm' ich mich", sagt leise eine Frau in der Schlange. "Alle Nachbarn können mich sehen. Aber was hilft's - vom Stolz werd' ich nicht satt!"
In den Grundschulen, die sich am Offenen Ganztag beteiligen, fragen sich die Diakonie-Mitarbeiterinnen, was sie mit den Kindern tun sollen, die mittags mit knurrendem Magen am Tisch sitzen. Ihre Eltern können sich das Mittagessen (Kosten: 1,90 - 2,30 pro Mahlzeit!!) nicht leisten.
Armut im Jahr 2005 ist blaß und hat unreine Haut. Denn Hautcreme ist ein Luxus, den sich nur leistet, wer ein bißchen Spielraum hat. Armut hat schlechte Zähne. Arme Menschen sparen beim Essen, bei der Kleidung, bei der Körperpflege. Auf Luxusartikel wie Theater-Abo oder Auto kann nur verzichten, wer sie überhaupt hat. Das Sozialamt finanziert keine Sonderwünsche, häufig scheitert es schon an einem zusätzlichen Sessel.
Daran allein wird Mirko nicht zerbrechen. Doch wir wollen mit unserer Arbeit und durch Ihre Spende dazu beitragen, dass er den Teufelskreis der sozialen Benachteiligung, die mit der Armut einhergeht, durchbrechen kann. Dass seine Ausbildung nicht am Geld scheitert. Dass er Erfahrungen macht, die sein Leben bereichern - mal ins Schwimmbad gehen, einen Film sehen, ein Instrument erlernen. Dass er seine Freunde nicht nach der Erreichbarkeit auswählen muss. Wenn Armut Mauern baut - wollen wir die Mauern einreißen.
Wir bitten Sie herzlich für diese und andere Aufgaben der Diakonie um ihre Spende.
Dirk Bernd Bobe, Pfarrer Thomas Haensel, Pfarrer
DIAKONISCHES WERK ENNEPE-RUHR/HAGEN gGmbH
Bergstraße 121, 58095 Hagen, Telefon 02331/380900
Spendenkonto: Sparkasse Hagen, BLZ 450 500 01, Konto 100 110 010


