Ennepe-Ruhr/Hagen
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Adventssammlung 2005
Ein langes Leben -
ein würdiger Abschied
„Wenn man jung ist, stellt man sich das nicht so vor“, sagt Erna P. Sie sitzt in einem gemütlich eingerichteten Zimmer, auf dem Sofa liegt eine selbst gehäkelte Tagesdecke, obenauf thront ein Paradekissen. Der Fernseher ist neu, „der alte war viel zu groß“, doch der Tisch darunter stand schon in der ehelichen Wohnung. An der Wand hängen Fotos der Kinder und Enkelkinder. „Zwei Urenkel hab ich auch schon“, berichtet die 82-jährige stolz. Seit drei Jahren lebt Erna P. im Altenwohnheim in Hagen-Dahl. Sie ist ein fröhlicher, pragmatischer Mensch, sie jammert nicht, wenn das Leben anders verläuft, als sie es sich ausgemalt hat. Dass die Kinder aus Hagen, ihrer Heimatstadt, weggezogen sind und ihr eigenes Leben leben – Frau P. gönnt es ihnen von Herzen. Natürlich wäre es schön, bei ihnen zu sein. Im Kreis der Familie alt zu werden. Für ihre Mutter, ihre Großmutter war das noch selbstverständlich. Für deutsche Senioren im 21. Jahrhundert sieht der Alltag anders aus. Etwa 650 000 Pflegebedürftige leben in Altenheimen.
„Alt werden – ja, das wollte ich schon. Aber alt sein?“ Nun wirkt Erna P. doch etwas nachdenklich. Die Gebrechen des Alters sind nicht nur lästig. Sie bringen Einschränkungen mit sich und Abhängigkeiten, von denen sich die Volmetalerin früher kein Bild gemacht hat. Die gemütliche Wohnung in der zweiten Etage, die sie mit dem verstorbenen Ehemann jahrzehntelang bewohnt hat, wurde für die geistig aktive Rentnerin zur Falle. „Ich hab die Treppen nicht mehr geschafft.“ Der Schritt ins Altenheim ist ihr, wie den meisten der insgesamt 476 Bewohner der sechs diakonischen Altenheime in den Kirchenkreisen Hagen, Hattingen-Witten und Schwelm, dennoch nicht leicht gefallen. „Ich kann mich an eine Dame erinnern, die nach ihrem Einzug tagelang nichts gegessen hat, weil sie so unglücklich war“, blickt Walburga Seelig, Leiterin des Lutherhauses in Witten-Bommern zurück.
Endstation Altenheim? Für viele ist das Altenheim die letzte Adresse in ihrem irdischen Leben. Dass ein Bewohner in die eigenen vier Wände zurückkehrt, soll zwar schon vorgekommen sein – aber es ist doch eher die Ausnahme. Der Wettstreit zwischen ambulanten und stationären Einrichtungen ist politisch gewollt. Da es deutlich teurer ist, die Unterbringung in einem Altenheim zu finanzieren, gilt bei Kassen und Politik der Grundsatz „ambulant vor stationär“. „Viel zu allgemein“ findet Altenheimleiter Klaus Beyer das nicht nur aus beruflichen Gründen. Für Walburga Seelig besteht kein Zweifel: „Wenn ich alt bin, ziehe ich in ein Altenheim!“ Und Klaus Beyer formuliert seinen eigenen Anspruch so: „Ich will unser Haus so führen, dass ich selber hier leben möchte.“
Natürlich gibt es Zwänge, die den Alltag in einem Seniorenheim bestimmen. `Den´ Altenheimbewohner gibt es nicht. Zwischen 43 Menschen in Bommern und 118 Bewohnern im Hattinger Haus der Diakonie leben in den diakonischen Häusern. „Von `fit wie ein Turnschuh´ bis Pflegestufe 3“, so Klaus Beyer, reicht die körperliche Verfassung. Entsprechend flexibel müssen die Angebote sein, die Beyer, Buchs und die anderen Heimleitungen tagtäglich machen.
Diese Flexibilität wird von der Pflegekasse nicht ermöglichst. Von der Zeit für eine Grundpflege oder für das Anreichen von Essen bis zur zugebilligten Raumgröße wird vereinheitlicht. Natürlich muss das Zusammenleben so vieler Menschen organisiert werden. Doch wer 70, 80 Jahre lang selbstbestimmt und oft jahrzehntelang allein gelebt hat, möchte im Alter nicht in Schubladen landen. „Für den einen ist ein gedeckter Tisch im Altenheim wie Urlaub, für den anderen ist Gemüse schneiden ein angenehmer Zeitvertreib“ weiß nicht nur Klaus Beyer.
In allen Altenheimen des Diakonischen Werkes gibt es Sozialarbeiter und weitere, speziell geschulte Menschen, die auf die besonderen Bedürfnisse der Bewohner eingehen. Die Zeit haben, beim Blättern in alten Fotoalben ins Gespräch zu kommen. Die helfen, mit den Gedanken über den Tod und das eigene Sterben umzugehen. Ein Testament zu formulieren. Aus der Zeitung vorlesen. Haupt- und Ehrenamt, Pflegepersonal, Sozialarbeiter und Pfarrer, frühere Nachbarn und engagierte Freiwillige arbeiten Hand in Hand. Feste unterbrechen den Alltag im Altenheim. Da ist es Ehrensache, dass man sich in Schale schmeißt und teilnimmt. „Der Friseur hat in den Tagen vorher immer viel zu tun“, schmunzelt Klaus Beyer. „Unsere Veranstaltungen sind Angebote, man kann sie annehmen, muss aber nicht“, betont Beyer. Zwar werde „offensiv eingeladen“, doch Freiwilligkeit müsse sein. „Es gibt ja auch Leute, die gerne stricken, lesen, fernsehen, viel Besuch bekommen – oder mal allein sein wollen.“
Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.
Aus dem vierten Gebot leiten wir nicht nur eine Verpflichtung ab, für die ältere Generation zu sorgen. Der Verlust der Leistungskraft soll nicht mit dem Verlust der Freiheit einhergehen. In Würde alt werden und auch in Würde sterben – dieses Ziel bestimmt alle Handlungen in diakonischen Altenheimen.
„Und das ist durchaus wörtlich zu verstehen“, sind sich Walburga Seelig und Klaus Beyer einig. Auch der Tod wird nicht verborgen, wer im Sterben liegt, bleibt auf seinem Zimmer, wo in Ruhe Abschied nehmen kann, wer das möchte. „Und auch der Leichenbestatter kommt bei uns nicht durch die Hintertüre...“ betont Bärbel Buchs.
Betritt man das Altenheim am Dahler Bollwerk, spürt man, dass die Menschen hier ein neues Zuhause gefunden haben. In der Caféteria zockt die Rommee-Gruppe, auf der Terrasse sitzen ein paar Bewohnerinnen beisammen und diskutieren über Gott und die Welt. Viele von ihnen waren vor ihrem Einzug einsam – so wie auch Erna P. Die eigenen vier Wände ersetzt auch das perfekte Altenheim nicht. Doch das schönste Kompliment einer Bewohnerin macht Klaus Beyer noch heute stolz: „Wenn ich gewusst hätte, wie schön es hier ist, wäre ich schon viel früher gekommen…“
Wir bitten Sie herzlich für diese und andere Aufgaben der Diakonie um ihre Spende.
Dirk Bernd Bobe, Pfarrer Thomas Haensel, Pfarrer
DIAKONISCHES WERK ENNEPE-RUHR/HAGEN gGmbH
Bergstraße 121, 58095 Hagen, Telefon 02331/380900
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