Ennepe-Ruhr/Hagen
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Sommersammlung 2006
Wie im richtigen Leben
Schulsozialarbeit hilft Jugendlichen beim Start in die Berufswelt
Die junge Selin sitzt ein wenig verloren in ihrem Stuhl. „Sind Sie nervös?“ fragt Anna Skowronek sie freundlich. Mehr als ein leises „Ja“ bekommt die junge Frau nicht heraus. Die 15-Jährige bewirbt sich um eine Ausbildung, möchte Erzieherin werden. Dass sie nun einsilbig antwortet, verbessert ihre Chancen nicht. Anna Skowronek kennt das schon. Plaudernd verwickelt sie die junge Türkin in ein Gespräch. Unmerklich kommen sie dem eigentlichen Zweck des Treffens näher. „Wie verhalten Sie sich in schwierigen Situationen? Was sind Ihre Stärken?“
Ein Bewerbungsgespräch. 20 Minuten, die über ein ganzes Leben entscheiden können. Zum Glück ist das heute nur eine Übung. Anna Skowronek und ihre Kollegen vom Jobladen des Diakonischen Werkes kommen in die Hauptschule Altenhagen und proben heute mit 21 Schülern der Klasse 10b den Ernstfall.
Die Rahmenbedingungen sind so echt wie möglich. Selin und ihre Mitschüler müssen eine komplette Bewerbungsmappe abgeben, sich den Fragen zweier gespielter Personalchefs stellen. Dabei läuft eine Videokamera und im Hintergrund notieren die Mitschüler eifrig, was ihnen am Verhalten der Kandidatin auffällt.
Seit einem halben Jahr gibt es die Zusammenarbeit zwischen Jobladen und Schule. Schon lange können die Schulen nicht mehr auffangen, was im Elternhaus nicht vermittelt werden konnte. „Teilweise sind diese Kinder schon in der dritten Generation benachteiligt. Schlüsselkompetenzen, die die Eltern vermitteln sollten, haben diese teilweise selber nicht“, berichtet Stefan Droste. Auch der Sozialarbeiter ist Mitarbeiter im Jobladen. „Viele Jugendliche erleben gar nicht, dass es normal ist, einen Beruf zu haben und damit sein eigenes Geld zu verdienen…“
Und so wachsen junge Männer wie Kerem heran, der sich cool in seinen Stuhl wirft, eigentlich keine der Fragen beantworten kann oder will. „Ey, Alter, weiß nicht…“. Als Lagerist will er eine Ausbildung machen – doch selbst dieser wenig anspruchsvolle Job scheint in weiter Ferne zu liegen. Ein 16-Jähriger, der behauptet, er wolle eigentlich Architektur studieren, und doch kaum einen kompletten Satz formulieren kann.
„Oh ja, vor allem unsere Jungs sind omnipotent – die können alles“, lacht Anna Skowronek. Doch wenn die Gruppe fehlt, werden die Halbstarken ganz klein, verschwinden Posen und zurück bleibt oft nur ein unsicheres Häufchen Mensch. Dann sieht man plötzlich, dass der 16-Jährige noch ein halbes Kind ist, das eine Chance möchte, das angenommen werden will, das sich eine Zukunft wünscht.
Hilfe bei der Selbsteinschätzung – auch das ist wichtiger Bestandteil von Schulsozialarbeit. In der Vif-Beratungsstelle gibt es mit DiaTrain und anderen Projekten erfolgreiche Methoden, die eigenen Stärken – und Schwächen! – herauszufinden und daran zu arbeiten.
„Individuelle Förderung ist der Schlüssel – und die muss manchmal schon in der Grundschule beginnen“, sagt auch Angelika Hamann, die als Fachbereichsleiterin dafür sorgt, dass sich die einzelnen Angebote der Diakonie ergänzen. Darum engagiert sich die Diakonie im gleichen Stadtteil auch beim Offenen Ganztagsangebot. Altenhagen ist ein „Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf“. Der durchschnittliche Ausländeranteil liegt hier bei 80 Prozent – aber in manchen Klassen sind alle Kinder Nicht-Deutsche.
„Berufswahlorientierung ist gerade an einer Schule wie dieser sehr wichtig.“ Anna Skowronek macht im Jobladen die Erfahrung: „Wenn es um die Berufswahl geht, sind die Jugendlichen nicht sehr kreativ…“ Vor allem Mädchen schränken sich selber ein. Berufe werden nicht nach Neigung ausgewählt, sondern unter dem Kriterium der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Sozialarbeiterin Anne Leschinsky aus der Vif-Beratung öffnet Hauptschülerinnen durch Praktika in vermeindlichen Männer-Jobs neue Perspektiven.
Und für Schüler, die sich dem Schulalltag komplett entzogen haben, bietet die Diakonie mit der „Werk Statt Schule“ eine Alternative zur Schulbank. Über schulmüde Jugendliche, die trotz intellektueller Fähigkeiten nicht am Unterricht teilnehmen, wissen viele Pädagogen zu berichten. Das Förderprojekt ermöglicht Jugendlichen, außerhalb der Schule einen anerkannten Abschluss zu machen.
Es klingelt. Doch niemand eilt aus dem Raum. Selin hört aufmerksam zu, was die Mitschüler ihr raten – und auch die Tipps der Profis wird sie beim wirklichen Vorstellungsgespräch beherzigen. Zum Schluss lächelt sie Anna Skowronek dankbar an. „Dann hören Sie von uns…“ Wie im richtigen Leben.
Wir bitten Sie herzlich für diese und andere Aufgaben der Diakonie um ihre Spende.
Dirk Bernd Bobe, Pfarrer Thomas Haensel, Pfarrer
DIAKONISCHES WERK ENNEPE-RUHR/HAGEN gGmbH Bergstraße 121, 58095 Hagen, Telefon 02331/380900 Spendenkonto: Sparkasse Hagen, BLZ 450 500 01, Konto 100 110 010


