Ennepe-Ruhr/Hagen
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Adventssammlung 2007
Armutszeugnis Kinderarmut
Wenn Luis aus der Schule nach Hause kommt, erwartet ihn eine verwaiste Küche. Seine Mutter hat in der Regel nichts gekocht, und so schleichen der 13-Jährige und seine beiden Brüder um den leeren Kühlschrank herum. An guten Tagen, am Monatsanfang, finden sie Fertigpizza, Chips oder Schokoladenpudding. An schlechten Tagen, am Monatsende, gibt es nichts gegen den hungrigen Magen. Manchmal reicht es für ein paar Brote. Luis Mutter liebt ihre Kinder - doch für sie zu sorgen, hat sie nie gelernt. Sie ist ohne Schulabschluss, ohne Ausbildung, ohne Job - und das, was sie als Mutter falsch macht, hat sie selber als Kind auch so erlebt.
Kinder wie Luis treffen wir in den Kindergärten der Diakonie, in der Offenen Ganztagsschule, in der Sozialpädagogischen Familienhilfe. Sie leben in Familien, die zugewandert sind oder bei Eltern, die am Leben gescheitert sind und sich aufgegeben haben. "Menschen in Not hat es immer gegeben", weiß Birgit Buchholz, Fachbereichsleiterin für die Sozialen Dienste beim Diakonischen Werk. "Um diese Menschen hat sich die Diakonie immer gekümmert. Neu ist, dass die Not in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist."
Szenenwechsel. Die 39-jährige Ramona ist langzeitarbeitslos. Um ihren mittlerweile 7-jährigen Sohn kümmert sich die gelernte Pädagogin seit Jahren allein. Eine glückliche Kindheit, Abitur, Studium, Pläne für die Zukunft. Das war einmal. Und dann fand sie, mit einem sehr guten Zeugnis in der einen Hand und einem ungeplanten Kind an der anderen, keine Stelle. Sie ist keine, die jammert. Doch sie sieht müde aus, wenn sie sagt: "Arm zu sein, ist einfach unglaublich anstrengend."
Die Zahlen erschrecken: Der Deutsche Kinderschutzbund schätzt, dass sich seit der Einführung von Hartz IV die Zahl der armen Kinder in Deutschland mehr als verdoppelt hat. Insgesamt 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 18 Jahren leben demnach in Haushalten, die über weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens verfügen. In Hagen, so sagt der DGB, gibt es 7635 "arme" Kinder; im Ennepe-Ruhr-Kreis sind es 6400. Diese Kinder leben in Armut, weil ihre Eltern keine Arbeit haben.
"Damit mein Sohn nicht arm ist, nehme ich mich zurück", erzählt Ramona mit leiser Stimme. Wann sie das letzte Mal beim Friseur war, sich einen neuen Pulli gekauft hat - es ist unendlich lang her, und es spielt auch keine Rolle mehr. Ihr Arbeitslosengeld II beträgt 347 Euro pro Monat, für ihren Sohn gibt es monatlich 207 Euro Sozialgeld. 207 Euro - für Essen, für Kleidung, für Winterstiefel. Von den 207 Euro sind 76 Cent monatlich für Spielsachen vorgesehen, also 9,12 Euro aufs ganze Jahr gerechnet. Dass dafür keine Playstation, kein MP-3-Spieler zu haben sind, versteht sich von selber. Doch auch ein einfaches Spielzeug ist für diesen Preis selbst gebraucht nur selten zu haben.
An seinem letzten Geburtstag ist Ramona mit ihrem Sohn und seinen kleinen Gästen in den Wald gegangen, hat eine Waldrallye veranstaltet. Den Teig fürs Stockbrot hat sie selber angerührt, die kleinen Preise, die jedes Kind mit nach Hause nehmen durfte, schon Wochen vorher im 1-Euro-Paradies gekauft. Kreativität erleichtert es der ausgebildeten Pädagogin, die Situation ein wenig zu entschärfen. Aber irgendwann wird ihrem Sohn auffallen, dass andere Kindergeburtstage im Schwimmbad, im Klettermax oder bei McDonalds stattfinden. Er wird es uncool finden, sich schlimmstenfalls dafür schämen. So wie Luis, der schon lange keinen Schulfreund mehr mit nach Hause bringt.
"Neben der materiellen Not ist es der Mangel an Erfahrungen, der ein Kinderleben `arm´ macht", weiß nicht nur Birgit Buchholz. Mal ins Kino gehen, ein Eis kaufen, im Restaurant essen, andere Länder bereisen - das sind Erfahrungen, die fürs Leben prägen können. Rein rechnerisch sind vom Sozialgeld 2,51 Euro pro Tag für Essen und Trinken vorgesehen - selbst für Mütter wie Ramona, die kochen kann und dies auch tut, ist das ein knappes Budget. "Die Wahl zwischen Bio-Vollkornbrot und dem billigen Toast aus dem Aldi stellt sich da nicht..."
Kirchen und Verbände, Vereine und Privatinitiativen versuchen, die Not zu lindern. Tafeln und Warenkörbe haben Konjunktur. Vor der Suppenküche in Hagen bilden sich lange Schlangen, die Wittener Tafel hat einen "Kindertag" eingeführt, selbst in Kleinstädten wie Ennepetal und Gevelsberg entstehen moderne Armenküchen.
Armes, reiches Land. Betroffen sind vor allem Kinder aus Zuwandererfamilien und Kinder Alleinerziehender. Bildung könnte den Teufelskreis durchbrechen - doch Bildung ist im Sozialgeld gar nicht vorgesehen. Null Euro für Bücher. Null Euro für Computerkurse. Null Euro, um ein Musikinstrument zu lernen oder in einen Turnverein zu gehen. Als Ramonas Sohn in die Schule kam, half eine Spende des Kinderschutzbundes. Bücher leiht sie in der Stadtbücherei oder bekommt sie von - berufstätigen - Freunden gebraucht geschenkt. Luis Mutter hat diese Möglichkeiten nicht. Doch auch Luis verdient eine Chance.
"Ganz klar: Wir haben weniger Geld als andere Leute", sagt Ramona. Sie identifiziert sich nicht über ihr Einkommen. "Armut - das heißt für mich Unfreiheit. Wenn ich mich nicht mehr entscheiden kann, ob und was ich meinem Sohn gönne, dann ist das für mich Armut!"
Wir bitten Sie herzlich für diese und andere Aufgaben der Diakonie um ihre Spende.
Dirk Bernd Bobe, Pfarrer Thomas Haensel, Pfarrer
DIAKONISCHES WERK ENNEPE-RUHR/HAGEN gGmbH
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Spendenkonto: Sparkasse Hagen, BLZ 450 500 01, Konto 100 110 010
